Wenn die „langweiligere“ Lösung die bessere ist
Shahriar Farzam von Digi Soft über langlebige Software, eigene Produkte, KI mit Augenmaß – und darüber, warum Nürnberg kleinen Technologieunternehmen mehr Möglichkeiten für Pilotprojekte bieten könnte.

Shahriar Farzam mit seiner Frau im Umfeld von Digi Soft. Bei UX- und UI-Fragen bringt sie nach seinen Angaben eine wichtige zweite Perspektive in die Entwicklung ein.
Bildnachweis: Digi Soft UG
Shahriar Farzam von Digi Soft über langlebige Software, eigene Produkte, KI mit Augenmaß – und darüber, warum Nürnberg kleinen Technologieunternehmen mehr Möglichkeiten für Pilotprojekte bieten könnte.
Softwareinnovation wird häufig mit immer neuen Technologien, Frameworks oder KI-Modellen verbunden. Shahriar Farzam setzt einen anderen Akzent. Mit der Digi Soft UG entwickelt er in Nürnberg individuelle Software und eigene digitale Produkte. Gerade weil mehrere Anwendungen parallel entwickelt und langfristig betrieben werden, wird die Frage wichtig, welche technische Neuerung tatsächlich hilft – und welche vor allem zusätzliche Komplexität erzeugt.
Digi Soft arbeitet unter anderem an Web- und SaaS-Anwendungen, Prozessdigitalisierung und Cloud-Architekturen. Für mehrere Projekte nutzt das Unternehmen mit NikanzoPHP eine eigene technische Basis. Im Taktgeber spricht Farzam darüber, warum dieser Weg gewählt wurde, was Entwickler aus eigenen Produkten lernen, wann Künstliche Intelligenz sinnvoll ist – und warum für kleine Technologieunternehmen häufig nicht die nächste Technologie, sondern der erste geeignete Pilotkunde fehlt.
Viele Softwareunternehmen greifen auf bestehende technische Grundlagen zurück. Digi Soft hat mit NikanzoPHP dagegen eine eigene entwickelt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen – und welches konkrete Problem konnten Sie damit besser lösen als mit bereits vorhandenen Lösungen?
Shahriar Farzam: Die Entscheidung für NikanzoPHP entstand nicht aus dem Wunsch, das Rad neu zu erfinden, sondern aus einer sehr konkreten Erfahrung: Bestehende Frameworks bringen häufig deutlich mehr Funktionen, Abhängigkeiten und Komplexität mit, als ein kleines Unternehmen benötigt, das mehrere eigene Produkte parallel entwickelt und betreibt.
Gerade wenn sieben oder acht Anwendungen langfristig gepflegt werden müssen, können Updates, Abhängigkeiten und Breaking Changes schnell zu einem erheblichen Aufwand werden. Mit NikanzoPHP habe ich deshalb eine schlanke technische Basis geschaffen, die ich vollständig verstehe und die sich konsistent über verschiedene Digi-Soft-Projekte hinweg einsetzen lässt.
Dabei orientiert sich das Framework an Prinzipien der Clean Architecture. Die eigentliche Geschäftslogik soll möglichst unabhängig von Datenbanken, Benutzeroberflächen oder externen Diensten bleiben. Dadurch lassen sich einzelne Komponenten leichter austauschen und Anwendungen langfristig weiterentwickeln.
Der Name NikanzoPHP ist übrigens vom Persischen, meiner Muttersprache, inspiriert. Dass dieser Ansatz in der Praxis funktioniert, hat sich inzwischen bei mehreren Projekten gezeigt, unter anderem bei MedIntake und MedBook.
Software soll heute schnell entwickelt werden, muss aber oft viele Jahre funktionieren, erweitert und gepflegt werden können. Beides passt nicht immer problemlos zusammen. Welche Entscheidungen muss man Ihrer Erfahrung nach am Anfang eines Projekts richtig treffen, damit eine Software nicht schon nach wenigen Jahren zum technischen Problemfall wird?
Shahriar Farzam: Aus meiner Erfahrung gehört die saubere Struktur eines Projekts zu den wichtigsten Entscheidungen am Anfang. Domänenlogik, Anwendungslogik und Infrastruktur sollten möglichst klar voneinander getrennt sein, anstatt alles nur deshalb miteinander zu verbinden, weil es kurzfristig schneller geht.
Das bedeutet nicht, dass man von Anfang an jede denkbare zukünftige Entwicklung vorhersehen muss. Im Gegenteil: Zu viel Architektur kann genauso problematisch sein wie zu wenig. Entscheidend ist, an den richtigen Stellen klare Grenzen zu schaffen.
Am Anfang kostet das manchmal etwas mehr Zeit. Der Nutzen zeigt sich jedoch später, wenn eine Anwendung nach drei oder vier Jahren neue Funktionen benötigt oder beispielsweise eine Datenbank, ein externer Dienst oder ein Teil der Benutzeroberfläche ausgetauscht werden soll.
Ebenso wichtig ist für mich die Fähigkeit, sich bewusst gegen einen Technologietrend zu entscheiden. Nicht jede neue Technologie macht eine Software automatisch besser. Häufig ist eine bewährte und vielleicht etwas „langweiligere" Lösung langfristig die robustere und wirtschaftlichere Entscheidung.
Digi Soft entwickelt nicht nur Software für Kunden, sondern betreibt mit Angeboten wie easy-invoice24, ibanworld, MedBook oder Form2PDF auch eigene Anwendungen. Damit erleben Sie unmittelbar, was passiert, wenn eine Software tatsächlich jeden Tag benutzt wird. Was lernt man als Entwickler durch eigene Produkte, das man bei einem klassischen Kundenauftrag möglicherweise nicht lernt?
Shahriar Farzam: Bei einem klassischen Kundenprojekt gibt es normalerweise definierte Anforderungen, ein Budget und irgendwann eine Abnahme. Bei einem eigenen Produkt endet die Verantwortung dagegen nicht mit einem Projektabschluss. Man erlebt täglich, ob eine technische Entscheidung auch im realen Betrieb funktioniert.
Dabei lernt man beispielsweise sehr schnell, dass Funktionen, die technisch interessant sind, für Nutzer nicht unbedingt wichtig sein müssen. Gleichzeitig können scheinbar kleine Verbesserungen im Alltag einen wesentlich größeren Nutzen bringen.
Ein Beispiel ist der Einsatz von KI bei Form2PDF und im Support-Bereich des Digi Soft Hub. Dort hat sich gezeigt, dass KI bestimmte Arbeitsschritte deutlich beschleunigen kann. Gleichzeitig muss man beobachten, wie Nutzer tatsächlich damit umgehen und an welchen Stellen weiterhin klassische, klar definierte Abläufe sinnvoller sind.
Eigene Produkte verändern deshalb auch die Perspektive eines Entwicklers: Man denkt weniger nur darüber nach, ob eine Funktion technisch funktioniert, sondern stärker darüber, ob sie verständlich, zuverlässig, wirtschaftlich und im täglichen Einsatz wirklich hilfreich ist.
Nürnberg verfügt über einen starken Mittelstand, große IT-Unternehmen, Hochschulen und eine breite Technologie- und Softwarelandschaft. Gleichzeitig kann Software heute praktisch von überall aus entwickelt werden. Welche Rolle spielt der Standort Nürnberg für Digi Soft tatsächlich – beispielsweise bei Kunden, Fachkräften, Kooperationen oder neuen Ideen? Und was müsste die Region noch besser machen, damit kleinere Technologieunternehmen hier wachsen können?
Shahriar Farzam: Software kann heute grundsätzlich von nahezu jedem Ort aus entwickelt werden. Trotzdem spielt der Standort für ein Unternehmen wie Digi Soft weiterhin eine wichtige Rolle, vor allem beim Aufbau von Vertrauen, Netzwerken und Kooperationen.
Nürnberg bietet dafür grundsätzlich sehr gute Voraussetzungen: einen starken Mittelstand, große Technologie- und IT-Unternehmen, Hochschulen und eine vielfältige Unternehmenslandschaft. Gerade für praxisnahe Softwareprodukte entstehen interessante Möglichkeiten häufig dort, wo man mit Unternehmen direkt über konkrete Probleme sprechen kann.
Für kleinere Technologieunternehmen wäre aus meiner Sicht noch mehr Vernetzung zwischen etablierten Unternehmen, Start-ups und kleinen Softwarehäusern hilfreich. Häufig fehlt nicht die technische Lösung, sondern der erste Kontakt zu einem Unternehmen, das bereit ist, eine neue Lösung gemeinsam als Pilotprojekt auszuprobieren.
Mehr niedrigschwellige Möglichkeiten für solche Kooperationen könnten dazu beitragen, dass kleinere Technologieunternehmen in der Region schneller wachsen und gleichzeitig mehr Innovation direkt aus Nürnberg heraus entsteht.

Digi Soft UG entwickelt in Nürnberg individuelle Software und eigene digitale Produkte.
Bildnachweis: Digi Soft UG
Kaum ein Technologiethema wird derzeit so stark diskutiert wie Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig ist nicht jedes Problem automatisch ein KI-Problem. Woran erkennen Sie, dass der Einsatz von KI tatsächlich einen Mehrwert bringt – und wann ist eine einfachere, klassische Softwarelösung am Ende die bessere und vielleicht sogar innovativere Entscheidung?
Shahriar Farzam: Für mich beginnt die Entscheidung nicht mit der Frage: „Wo können wir KI einsetzen?", sondern mit der Frage: „Welches konkrete Problem wollen wir lösen?"
KI ist besonders interessant, wenn Sprache, unstrukturierte Informationen, unterschiedliche Dokumente oder komplexe Muster verarbeitet werden müssen. In solchen Bereichen kann sie Arbeitsschritte vereinfachen oder beschleunigen, wie wir es beispielsweise bei Form2PDF oder im Support-Bereich des Digi Soft Hub einsetzen.
Bei klar definierten Regeln sieht die Situation anders aus. Eine IBAN-Prüfung oder die technische Validierung bestimmter Rechnungsinformationen nach einem festgelegten Standard benötigt beispielsweise kein KI-Modell. Dort ist eine klassische deterministische Lösung meist zuverlässiger, günstiger, nachvollziehbarer und leichter zu testen.
Eine einfache Frage hilft mir deshalb häufig bei der Entscheidung: Kann ich dieses Problem vollständig und zuverlässig mit klaren Regeln beschreiben? Wenn die Antwort Ja lautet, ist eine klassische Softwarelösung oft die bessere Wahl.
Innovation bedeutet für mich nicht, möglichst viel KI einzusetzen. Manchmal besteht die innovativste Entscheidung gerade darin, bewusst auf unnötige Komplexität zu verzichten.
Innovation bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst viel KI einzusetzen. Manchmal besteht die innovativste Entscheidung gerade darin, bewusst auf unnötige Komplexität zu verzichten.
Welche Entscheidung in einem Ihrer Projekte würden Sie heute einem Startup als Beispiel dafür zeigen, wie man ein komplexes Problem pragmatisch und zugleich nachhaltig löst?
Shahriar Farzam: Eine Erfahrung, die ich einem Startup besonders mitgeben würde, ist, technische Perfektion nicht mit einem funktionierenden Produkt zu verwechseln.
Man kann sehr viel Zeit in Architektur, Funktionen und technische Details investieren. Entscheidend ist aber letztlich, möglichst früh herauszufinden, ob das Produkt unter realen Bedingungen tatsächlich ein Problem löst.
Deshalb versuche ich heute, technische Grundlagen sauber und nachhaltig aufzubauen, gleichzeitig aber früh mit kleinen, funktionierenden Versionen zu arbeiten und reale Rückmeldungen einzuholen. Eine der größten Herausforderungen ist dabei häufig gar nicht die Entwicklung selbst, sondern geeignete Pilotkunden zu finden, die bereit sind, ein neues Produkt im Alltag zu testen.
Für ein kleines Unternehmen ist außerdem wichtig, nicht alles allein lösen zu wollen. Bei Digi Soft spielt beispielsweise auch meine Frau eine wichtige Rolle. Sie bringt insbesondere bei UX- und UI-Fragen eine andere Perspektive und viele Ideen ein. Gerade bei einem sehr kleinen Unternehmen kann eine solche zweite Perspektive enorm wertvoll sein.
Pragmatisch zu arbeiten bedeutet für mich deshalb nicht, kurzfristige Lösungen zu bauen. Es bedeutet, genau zu unterscheiden, was heute wirklich notwendig ist, was technisch langfristig sauber gelöst werden muss und was man erst entwickeln sollte, wenn reale Nutzer zeigen, dass tatsächlich ein Bedarf dafür besteht.

Unternehmensinformation
Digi Soft UG
Welserstraße 75 90489 Nürnberg
Gründer und Interviewpartner: Shahriar Farzam, Gründer & Leitender Softwareentwickler
Digi Soft UG ist ein Softwareunternehmen mit Sitz in Nürnberg. Das Unternehmen entwickelt individuelle Softwarelösungen und eigene digitale Produkte. Schwerpunkte sind Web- und SaaS-Anwendungen, Cloud-Architekturen, Prozessdigitalisierung und langfristig wartbare Softwarelösungen. Neben Kundenprojekten entwickelt und betreibt Digi Soft eigene Plattformen und SaaS-Produkte, unter anderem für E-Rechnungen, Dokumentenautomatisierung, medizinische Terminplanung und digitale Patientenaufnahme.
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